Visionen von der Horrorbraut

Wer hatte ihr das angetan? Ihre Augen waren aufgerissen, das Lächeln eine Grimasse und das Gesicht zu einer glänzenden Maske erstarrt. Gekrönt war das ganze Schlamassel mit einer Frisur, die ich bis dahin nur aus Bordell-Szenen im Tatort kannte. Meine Bekannte war kaum wiederzuerkennen. Welches kranke Gehirn hatte sie auf so schreckliche Weise entstellt – und das am Tag ihrer Hochzeit?

Wie ich erfuhr, hatte sich die Bedauernswerte Ihre Verstümmelungen selbst zugefügt bzw. professionell zufügen lassen. Und wie ich bald feststellen sollte, war sie kein Einzelfall. Denn offenbar hat sich eine ganze Branche auf das Bedürfnis angehender Gattinnen spezialisiert, am Tag der Tage jeden und grundsätzlich alles zu überstrahlen – einschließlich sich selbst. Deshalb lassen sie sich solange mit der kosmetischen Keule „durchstylen“, bis von der einstigen Verlobten nichts mehr zu erkennen ist.

Kann ja jeder machen, was er oder sie will. Dachte ich. Bis dann meine Hochzeit anstand und mich beklemmende Visionen von der eigenen Horrorbraut ereilten. Es half nichts, ich musste die Reißleine ziehen. Auch auf die Gefahr hin, als spießiger Hinterwäldler dazustehen, der Rouge und Eyeliner für Teufelszeug hält. „Schminken willst Du Dich eher natürlich, oder?“, wagte ich einen Vorstoß – ins Leere. „Wie denn sonst?“, kam zurück. „Oder willst Du, dass ich mich so auftakel?“ Nein, das war nicht unbedingt nötig.

Der Schwiegersohn

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